In dem Artikel Sprachlose Linke: Die Stille nach dem Crash auf Spiegel online und in den Kommentaren des Forums drängt sich der Eindruck auf, dass man Kommunist, Sozialist oder Kapitalismus-Kritiker sein muss, um links zu sein. Ein Thema, über dass ich in letzter Zeit ohnehin viel nachdenke - und bei dem ich zu einer anderen Vorstellung von ‘links’ und ‘rechts’ gelange:
Man muss sich klar werden, dass wir in einem feudalistischen System leben. Buh, Feudalismus*, das hört sich böse an! Ist es nicht, nicht per se: Ein Teil der Einkünfte aller werden ‘nach oben’ gereicht, damit man sich ‘dort oben’ um Dinge kümmern kann, die über den Einflussbereich des einzelnen hinausgehen. Mit diesem Geld werden Schulen gebaut, Krankenhäuser, Verkehrsschilder und Staaten. Mit diesem Geld werden Waffen produziert, Handynetze, Behörden und Wahlkampfspots. Gutes wie Schlechtes - die Bewertung sei dem Einzelnen überlassen.
Meine Bewertung, meine zutiefst ‘linke’ Bewertung, ist, dass all das gut ist, was dem Allgemeinwohl dient.
Was aber passiert mit unseren Investitionen, was geschieht ‘da oben’? Man scharmützelt sich in scheinbarer Konkurrenz, man verzettelt sich in der Förderung der charismatischen Egoisten, man verliert den gesunden Menschenverstand und ist beruhigt, dass man nur einen kleinen Teil dazu beiträgt, während man mit Stil überlebt.
Feudalismus ist nicht schlecht, er ist die Basis aller Systeme. Seine Spielart Kaptitalismus neigt zur Anhäufig von Macht, mit der Großes geleistet werden kann. Seine Spielart Kommunismus neigt zu Anhäufung von Macht, mit der Großes geleistet werden kann. Seine Spielart Demokratie neigt zu Anhäufung von Macht, mit der Großes geleistet werden kann. Selbst seine Spielart Diktatur neigt zur Anhäufung von Macht, mit der Großes geleistet werden kann. Schade nur, dass man mit dieser Macht zur Zeit wenig Großes leistet.
Links sein bedeutet für mich, mich aktiv dafür einzusetzen, dass das ‘Große’ nicht großer Egoismus, sondern große Integrität ist. Denen kritisch auf die Finger zu schauen, die entscheiden, was Großes geleistet werden soll. Diejenigen zu verehren, die alle größer machen und diejenigen zu verachten, denen es egal ist, auf wessen Kosten sie groß werden. Links sein bedeutet, einen Einschnitt hinzunehmen, der anderen dient und zu verstehen, dass die anderen Einschnitte hinnehmen, die einem selbst dienen.
Rechts zu sein bedeutet nicht das Gegenteil. ‘Rechts’ ist die schlichte Beschränktheit, das eigene Wohl vor das der anderen zu stellen - nicht die paar Male, bei denen es für die persönliche Entwicklung wichtig sein mag, sondern immer und immer wieder, egal in welchem System.
Verwechsle ich ‘links’ mit ‘gut’ und ‘rechts’ mit ’schlecht’? Das mag sein, ich bin ein Kind meiner Zeit.
* Abgrenzung zum klassischen Feudalismus des Mittelalters: I.d.R. können wir uns frei bewegen und unsere ‘Lehnsherren’ in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft weitestgehend selbst aussuchen - ja sogar zum legitimen ‘Lehnsherren’ werden, wenn wir unsere Kompetenz auf dem jeweiligen Gebiet unter Beweis stellen.